Willkommen im Sommerloch. Die Junge Union (JU) und Annegret Kramp-Karrenbauer kramen ein Thema heraus, das 2011 aus der Öffentlichkeit verschwunden ist. Wo die Leute aus der Union die Wehrpflicht in den letzten Tagen gefunden haben, ich weiß es nicht. Ich war aber froh, dass die öffentliche Debatte recht schnell darauf gekommen ist, dass sich die Gründe für die Abschaffung nicht verändert haben. Die Bundeswehr hat zwar ein Nachwuchsproblem, ganz so viele Leute braucht man dort aber auch bei weitem nicht und belastet die SoldatInnen. Bei den jungen Menschen ist die Bundeswehr immer noch nicht beliebt. Und man vergrault den Wähler, wenn man eine Wehrpflicht einführt. Wehrpflicht vom Tisch, danke.

Dann kam der Vorschlag vom allgemeinen Dienstjahr. Zugegeben, auch ich hab das schon mal durchgespielt. Ich selbst bin gerade am Ende meines Bundesfreiwilligendienstes (BFD) also dem klein geratenem Program, das den Zivildienst hätte ersetzen sollen. Ich merke, wie es mich verändert hat. Klar, in der Schule lernt man anderes, ich behaupte aber immer wieder , ich hätte in diesem einen Jahr mehr gelernt als in meiner Oberstufe bis zum Abitur. Mal davon abgesehen, dass das Abiwissen nach einem Jahr wieder weg ist: Erfahrungen wie das Klima in einem Betrieb (in meinem Fall eine Kinderklinik), Schichtdienst, Urlaubsplanung, das Pflegen von Freundschaften, Kollegen, mit denen man eigentlich nicht acht Stunden am Tag verbringen will, eine eigene Wohnung am Laufen zu halten etc. waren es wert, ein Jahr zu „verschwenden“. Davon abgesehen, dass ich mehr über Behinderungen, Pflege und Therapiemöglichkeiten weiß als 95% meiner Altersgenossen.

Meiner Meinung nach sollte diese Erfahrung jeder machen. Also warum nicht verpflichtend? Es reicht ganz einfach nicht für alle, es fehlt überall an professioneller Betreuung und zugewießenen Plätzen. BFD, FSJ & FÖJ (Freiwilliges Soziales/Ökolosiches Jahr) beherbergen jedes Jahr rund 100.000 Freiwillige. Diese Plätze würden nicht einmal reichen, um allen Schulabsolventen Bayerns einen Platz zu verschaffen. Von ganz Deutschland kann da noch keine Rede sein. Das Budget dieser Freiwilligendienste ist bundesweit gedeckelt und wird Haushalt für Haushalt maximal der Inflation angepasst. Und schon jetzt fühlen sich manche Freiwillige nicht ausreichend versorgt.

Die Kapazitäten, für ein allumfassendes Dienstjahr sind also gar nicht da. Jeder Freiwillige muss z.B. von Fachkräften eingewiesen und eingearbeitet werden. Das ist natürlich eine Mehrbelastung, gehäuft zwischen August und Oktober, wenn die meisten Freiwillige eben anfangen. Die PflegerInnen, ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen sind in Zeiten des Fachkräftemangels schon ausgelastet genug. Es würde soziale Berufe nicht attraktiver machen, wenn die ArbeitnehmerInnen die Mehrbelastung haben, jedes Jahr eine unzumutbare Menge an jungen Leuten in ihre Arbeit einzulernen, im Gegenteil, das ist unzumutbar an alle, deren Berufe jetzt schon zu den unattraktivsten gehören.

Essentiell für Freiwilligendienste sind auch die außerhäuslichen Bildungsangebote. Im Moment stehen jedem Freiwilligen fünf Woche Seminar zu – Organisiert vom Träger, in meinem Fall z.B. die Diakonie Württemberg. Bei mir waren das eine Woche politische Bildung in einem ehemaligen Zivi-Haus vom Bund, eine Woche Unterricht in einer Pflegeschule in Stuttgart, eine Woche Abschlussseminar in Berlin sowie insgesamt zwei Wochen Seminar, das die Diakonie selbst organisierte. Wenn man dasselbe Angebot für alle Schulabgänger parat halten wollte würden auch die Trägerverbände unter dieser Last zusammenbrechen. Personell, räumlich und organisatorisch ist auch die Betreuung nicht in dem Maß stemmbar, die den jungen Menschen zusteht. Die Alternative, diese Betreuung wegfallenzulassen, steht nicht zur Debatte. Denn ohne meine Seminare wäre mein Jahr nur halb so viel Wert gewesen.

Irgendwie hat die ganze Diskussion in den letzten Wochen Ausmaße angenommen, die das eigentlich nicht ganz so große Thema überschatten. Die Einen Argumentieren mit Verteidigungspolitik („Der Bundeswehr fehlt es an Nachwuchs!“), die Anderen mit Sozialpolitik („Ihr wollt den Pflegenotstand mit Schulabgängern puffern!“). Die einen werden zu Alltagsphilosophen („Manche muss man zu seinem Glück zwingen…“), Christian Lindner entdeckt das Grundgesetz für sich („Niemand darf zu Arbeit gezwungen werden!“). Und um das hier so zu sagen: Sie haben alle Recht!

Wie es sich für eine öffentliche Debatte gehört hat sich natürlich auch jeder zu Wort gemeldet, nur eben nicht die Betroffenen. Anstatt das in Medien aktuelle oder ehemalige Freiwillige/Zivis zu Wort kamen waren die einzigen, jungen Leute JUler, von denen irgendwie keiner ein Dienstjahr aufzeigen konnte. Und Annegret Kramp-Karrenbauer? Ich hab gehört, als CDU-Generalsekretärin ist man automatisch Experte für junge Erwachsene in seinem Land. Aber was weiß ich schon. Ich bin ja nur Bundessprecher der 40.000 Bundesfreiwilligen in Deutschland. Was hab ich denn schon für eine Ahnung von den Themen, die mich betreffen…

Leo Buchholz

Bundessprecher der Bundesfreiwilligen 2018

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