Im Landkreis Ludwigsburg stehen die Nominierungen zur Landtagswahl an! Eigentlich hatten wir ein paar coole Formate geplant um uns und euch die Kandidat*innen für die Wahlkreise bei uns im Landkreise vorzustellen. Die Corona-Pandemie hat uns da natürlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben aber nun trotzdem ein Format gefunden, das unsere Kandidat*innen möglichst gut vorstellt: Unsere Online-Interviews. Wir haben uns überlegt welche Themen junge Menschen zur Zeit bewegt und mit welchen Fragen wir entsprechende Antworten aus den Kandidat*innen locken können. In den nächsten Wochen werden sich alle Kandidat*innen diesen Fragen stellen müssen. Die Antworten gibt es einmal pro Woche hier auf der Website. Weiter geht’s mit den Fragen an Angela Brüx, LTW-Ersatzkandidatin im Wahlkreis Vaihingen/Enz.

1) Als Wahlkreisabgeordnete*r bist du natürlich auch für einen Wahlkreis verantwortlich. Gibt es in deinem Wahlkreis ein Großprojekt für/gegen das du dich im Landtag einsetzen willst?

Kein konkretes Großprojekt, aber doch ein großes Projekt ist die Reduzierung des Flächenverbrauches, der mir am Herzen liegt. Hier gibt es oft Konflikte zwischen berechtigten Anliegen. Landwirtschaft und Naturschutz, Entwicklung der Wirtschaft und Schaffung von dringend benötigten Wohnraum versus Flächenverbrauch. Auch als Regionalrätin ist es mir besonders wichtig, dass wir hier sehr behutsam vorgehen, um möglichst wenig neue Flächen zu verbauen und alternative Konzepte wie Entwicklung von Brachen und Innenverdichtung weiter voranbringen.

2) Die Koalition mit der CDU hat sich in den letzten Jahren immer wieder als kompliziert und anstrengend erwiesen. Trotzdem führen wir Grüne nach wie vor die Umfragen an. Wie stellst du dir einen idealen Koalitionspartner für unsere Landtagsfraktion vor? Hast du eine Traumkoalition?

Nein, habe ich nicht, denn ein Wahlergebnis repräsentiert die Menschen in unserem Land und mit diesem jeweiligen Wahlergebnis sind wir verpflichtet umzugehen und entsprechende Kompromisse mit anderen demokratischen Parteien und politischen Ansichten zu finden, egal wie einfach oder schwierig das ist. Persönlich vermisse ich die Zusammenarbeit mit der SPD in der Bildungspolitik. Hier waren sich Grüne und SPD sehr nahe in der vorigen Koalition, haben viel bewegt, was jetzt nicht mehr richtig vorangetrieben wird.

3) Das Pariser Klimaabkommen verpflichtet uns zu konsequentem Klimaschutz. Sollten wir uns im Land konkrete Ziele bis 2025, 2030 oder 2040 setzen? Was kann das Land tun um den Klimaschutz voranzutreiben und gegebenenfalls diese Ziele einzuhalten?

Der Klimawandel ist ja bereits da und es zählt jeder Monat, um ihn noch so weit wie möglich zu bremsen. Deshalb sollten wir uns konkrete Ziele für jedes Jahr setzten. Wir haben ja in der Vergangenheit gesehen, dass mittelfristige Ziele immer suggerieren, wir hätten noch genügend Zeit. Deshalb sollten wir schrittweise Ziele haben, was wollen wir 2021 umsetzen, was 2022, 2023 und erreichen wir mit diesen Einzelschritten dann das im Pariser Klimaabkommen gesetzte Ziel? Natürlich braucht die Wirtschaft auch Planungszeiträume, aber auch hier sollten wir zeitlich differenzierter vorgehen. Erst analysieren, wie lange ein Bereich bis zur Klimaneutralität bräuchte und dann entsprechende Vorgaben machen. Insbesondere sollten wir auch den Verkehr in den Blick nehmen, denn hier gibt es noch enorme Einsparungsmöglichkeiten und endlich die Verkehrswende voranbringen. Gleichzeitig müssen wir aktiv die notwendigen Anpassungen an die Klimaänderung in den Blick nehmen und z.B. anfangen unsere Städte und Orte stärker zu begrünen, um das Mikroklima zu verbessern.
Das Land kann meiner Meinung nach in diesen Bereichen viel tun, zum einen durch klare Vorgaben gegenüber der Wirtschaft, aber auch gegenüber Kommunen, gerade auch bei Vorgaben zu Themen wie z.B. Bauen, (wie eben ja passiert) oder dem Ausbau regenerativer Energien. Neben dem Klimawandel steht natürlich auch der Schutz unserer Naturräume im Vordergrund, die durch den Klimawandel zusätzlich unter Druck geraten.
Außerdem sollte das Land eine führende Rolle in der Vernetzung der unterschiedlichen Verantwortungsebenen übernehmen. Nicht jede Kommune sollte ein eigenes Klimakonzept erstellen müssen, sondern die Konzepte müssen zentral erstellt, dann aber auf die Situation vor Ort adaptierbar sein. Das Beratungsangebot in diesem Bereich und der Austausch muss ausgebaut und gestärkt werden.

4) Um Frauen, Migrant*innen und junge Menschen im Landtag sich selbst vertreten lassen zu können fordern wir Grüne eine Landtagswahlrechtsreform. Wie stellst du dir ein Landtagswahlrecht vor, dass genau dieses Kriterium erfüllt?

Ich bin für eine Wahlrechtsreform, die wie in anderen Bundesländern oder im Bund das Aufstellen über eine Liste ermöglicht. Durch eine Liste können wir bestimmen, mit welcher Vielfalt wir im Landtag vertreten sein möchten und gezielt auch Personengruppen fördern, die oft unterrepräsentiert sind. Auch bekommen kompetente Kandidat*innen aus Gegenden, die für uns Grüne traditionell schwieriger sind, eine Chance, ihre Fähigkeiten im Landtag einzubringen.
Natürlich hat auch die direkte Nominierung nur durch die Basis ihren Charme und ich kann auch nachvollziehen, das wir durch eine Listenwahl mehr innerparteiliche Konkurrenz bekommen und der Einsatz des einzelnen Kandidaten vor Ort weniger zählt. Dennoch bin ich fest davon überzeugt, dass eine Listewahl der richtige Weg ist, um mehr Vielfalt in den Landtag zu bekommen. Auch wenn wir Grünen bereits eine recht hohe Vielfalt haben und andere Parteien nicht gezwungen wären ebenfalls in ihrer Liste Vielfalt zu repräsentieren, wäre es für unterrepräsentierte Gruppen in allen Parteien einfacher kompetente Kandidaten erfolgsversprechend zu platzieren.

5) In Hamburg haben die Grünen ein Wahlrecht für Jugendliche ab 14 Jahren gefordert. Kannst du dir das auch für Baden-Württemberg vorstellen?

Ja, das kann ich mir gut vorstellen, da durch den demographischen Wandel junge Menschen mittlerweile als Wähler*innen in der Minderheit sind und ihre Stimme wieder ein höheres Gewicht bekommen muss, da viele Entscheidungen ihre Zukunft direkt beeinflussen. Entscheidungen, die erst in der Zukunft relevant werden, haben deshalb in der Politik nicht die Priorität, die sie haben sollten. Noch besser fände ich allerdings ein Familienwahlrecht, bei dem Eltern für jedes Kind eine Stimme bekommen, die dann z.B. mit 14 Jahren an das Kind selbst übergeht. Natürlich garantiert das nicht, dass Eltern immer im Interesse ihrer Kinder wählen, aber zumindest würden diese Gruppe und die für sie wichtigen Entscheidungen besser repräsentiert.

6) Es werden immer noch Asylbewerber*innen abgeschoben die schon längst in Deutschland zuhause sind. Wie können wir im Land Baden-Württemberg möglichst viele Geflüchtete vor der Abschiebung retten?

Ich finde es völlig absurd, wenn Menschen, die hier integriert sind, einen Arbeitsplatz und ihr Zuhause hier haben, abgeschoben werden. Wir benötigen ein Einwanderungsgesetz, dass auch integrierten Asylbewerber*innen eine dauerhafte Bleibeperspektive und eventuell sogar die Aussicht auf den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit bietet. Dafür müssen wir uns als Land beim Bund stark machen.

7) Eines der Hoheitsrechte des Landes ist die Bildungspolitik. Wenn du eine bildungspolitische Maßnahme sofort umsetzen könntest, welche wäre das?

Ich würde verschiedene Maßnahmen sofort umsetzten wollen (und verfehle damit eure Frage), aber eine kurze Antwort wäre: Ich würde die Grundschulzeit auf sechs Jahre verlängern, um längeres gemeinsames Lernen zu ermöglichen und die Bildungsgerechtigkeit zu erhöhen. Davon profitieren alle, nicht nur Kinder, denen das Lernen vielleicht etwas schwerer fällt.

Ansonsten würde ich generell mehr Geld in die Bildung stecken, besonders für den Ausbau der Schulsozialarbeit und die bessere Förderung aller Schüler*innen auf ihrem jeweiligen Lernlevel. Außerdem sollte die Bedeutung der Bildung für die Gesellschaft mehr Wertschätzung erfahren und deshalb würde ich das Geld auch dazu nutzen Erzieher*innen, Grundschullehrer*innen und andere im Bildungsbereich tätige Menschen besser zu bezahlen.
Auf der anderen Seite würde ich die Personalstruktur in Bildungseinrichtungen verbessern: Wir sollten mehr Vielfalt in die Bildungseinrichtungen schaffen, da auch die Anforderungen immer vielfältiger werden, indem dort Menschen mit unterschiedlichen Ausbildungshintergründen tätig sind (z.B. studierte Erzieher*innen, ausgebildete Erzieher*innen, Logopäd*innen etc.). Außerdem müssen wir gerade in den Schulen die Teamarbeit fördern und gute Führungsstrukturen schaffen, d.h. die Rektor*innen gut für ihre Aufgabe ausbilden und diese Positionen stärken. Oft steht und fällt die Qualität einer Schule mit dem Engagement der Führung und das darf einfach nicht sein.
Ein drittes Thema wäre die Anpassung der pädagogischen Konzepte an wissenschaftliche Erkenntnisse von Bildungsforscher*innen. Die Bildungseinrichtungen des 21. Jahrhunderts müssen anders funktionieren als die des 20. Jahrhunderts. Da wird schon viel gemacht, aber einige weitere Punkte sollten ausgebaut werden, wie z.B. altersgemischte Klassen im Grundschulbereich, echtes digitales Lernen und einen stärkeren Fokus auf den Erwerb von Kompetenzen und die Persönlichkeitsbildung anstatt reinem Wissenserwerb.

 8) Im Kreisverband Ludwigsburg führen wir aktuell eine Debatte wie wir die Partei verjüngen wollen und junge Leute für Politik begeistern können. Was ist deine Vision für mehr Jugendbeteiligung im Kreis Ludwigsburg?

Ich glaube politisches Engagement ist nicht vom Alter abhängig. Auch die Mehrheit der älteren Generationen ist leider politisch nicht aktiv. Im Gegenteil, eigentlich ist die junge Generation gerade sehr viel engagierter, als zum Beispiel meine eigene Generation. Das ist sehr gut und wichtig und Bewegungen wie FFF sind da sogar Vorbilder. Deshalb sollten wir aber die Frage allgemeiner stellen, wie schaffen wir es, dass wieder mehr Menschen sich politisch aktiv einzubringen? Wir sollten uns über alle Generationen hinweg zuhören und mit unseren unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen ernst nehmen und die dafür notwendigen Formen wie Jugendräte, aber vielleicht auch generationsübergreifende Diskussionsforen schaffen. Ein anderer wichtiger Punkt ist es, Menschen zu ermöglichen Wirksamkeitserfahrungen zu machen. Dazu müssen wir ihnen etwas zutrauen und sie darin bestärken, sich für ihre Ideen einzusetzen. Dieses Zutrauen brauchen (vielleicht?) junge Menschen besonders. Denn dann lässt sich erleben, dass man Dinge verändern kann, indem man sie z.B. darin bestärkt, für Mandate zu kandidieren.