Im Landkreis Ludwigsburg stehen die Nominierungen zur Landtagswahl an! Eigentlich hatten wir ein paar coole Formate geplant um uns und euch die Kandidat*innen für die Wahlkreise bei uns im Landkreise vorzustellen. Die Corona-Pandemie hat uns da natürlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir haben aber nun trotzdem ein Format gefunden, das unsere Kandidat*innen möglichst gut vorstellt: Unsere Online-Interviews. Wir haben uns überlegt welche Themen junge Menschen zur Zeit bewegt und mit welchen Fragen wir entsprechende Antworten aus den Kandidat*innen locken können. In den nächsten Wochen werden sich alle Kandidat*innen diesen Fragen stellen müssen. Die Antworten gibt es einmal pro Woche hier auf der Website. Last but not least:   Tayfun Tok, LTW-Kandidat im Wahlkreis Bietigheim.

1) In deinem Wahlkreis gibt es bereits einen etablierten Landtagsabgeordneten. Welche Ideen oder Projekte haben dich dazu bewegt eine Gegenkandidatur zu veröffentlicht?

Wir Grünen sind mit unseren Werten, unseren Ideen und unserer Haltung in Baden-Württemberg auf dem Weg zur Volkspartei. Eine Partei, die möglichst viele Menschen ansprechen und von unseren Grünen Ideen überzeugen will.

Was mich sehr umtreibt, ist die Frage, wie wir in den 2020er Jahren unsere liberale Demokratie, die von Menschen in unserer Gesellschaft angezweifelt bis angegriffen wird, verteidigen können. Wie gelingt es uns, den Klimaschutz voranzutreiben und dabei die Menschen, Kommunen & Unternehmen mitzunehmen? Dies gelingt uns nur, wenn wir nah bei den Menschen sind, sowohl vor Ort aber auch online in den sozialen Medien, denn dort werden mittlerweile auch Meinungen gebildet.

Ich möchte deshalb Bündnisse schaffen – nicht nur mit denen, die so ticken wie wir, sondern auch mit denen, die uns in unseren Denkweisen und inhaltlichen Positionen herausfordern. Wir müssen Freiheit, Vielfalt und Zusammenhalt in unserer offenen Gesellschaft stärken. Hier sehe ich mich für das kommende Jahrzehnt gewappnet.
Das hat mich deshalb zu meiner Bewerbung ermutigt.

2) Als Wahlkreisabgeordnete*r bist du natürlich auch für einen Wahlkreis verantwortlich. Gibt es in deinem Wahlkreis ein Großprojekt für/gegen das du dich im Landtag einsetzen willst?

Ich möchte mich weiterhin für die Reaktivierung der Bottwartalbahn von Marbach bis Heilbronn einsetzen. Die neue Bahnverbindung durchs Bottwartal würde eine rasche, komfortable und umweltfreundliche Anbindung der Talschaften an den modernen öffentlichen Nahverkehr bieten und wäre eine super Alternative zum Autoverkehr.

In der größten Stadt unseres Wahlkreises, nämlich in Bietigheim-Bissingen, plant die Stadt auf dem ehemaligen DLW-Areal ein neues Stadtquartier. Hier möchte ich meine Möglichkeiten als MdL nutzen, um gemeinsam mit der Grünen Stadtratsfraktion dieses „Filetstück“ der Stadt nachhaltig, bezahlbar und generationenübergreifend zu gestalten.

Außerdem möchte ich mich für einen Radschnellweg entlang der B27 zwischen Bietigheim-Bissingen und Stuttgart einsetzen. Dadurch erhoffe ich mir auf den hochbelasteten Pendlerstrecken eine deutliche Verkehrsverlagerung vom Auto auf das Fahrrad. Das wäre ein aktiver Beitrag zur Verringerung der täglichen Staus und zur Luftreinhaltung in unserer Region.

3) Die Koalition mit der CDU hat sich in den letzten Jahren immer wieder als kompliziert und anstrengend erwiesen. Trotzdem führen wir Grüne nach wie vor die Umfragen an. Wie stellst du dir einen idealen Koalitionspartner für unsere Landtagsfraktion vor? Hast du eine Traumkoalition?

Ich finde es zunächst einmal gut, dass wir Grünen trotz politischer Differenzen mit allen – bis auf die AfD – im baden-württembergischen Landtag vertretenen Parteien Gespräche führen, Kompromisse schließen und somit zeigen, dass die liberale Demokratie handlungsfähig ist. Das ist in unserer politischen Kultur ein wertvolles Gut. Der ideale Koalitionspartner ist der, mit dem wir verlässlich, verbindlich und vertraulich am meisten unsere grünen Inhalte durchsetzen können.
Es gilt, den Klimawandel zu bekämpfen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und in der Bildung und Forschung weiter Spitze zu bleiben.

4) Das Pariser Klimaabkommen verpflichtet uns zu konsequentem Klimaschutz. Sollten wir uns im Land konkrete Ziele bis 2025, 2030 oder 2040 setzen? Was kann das Land tun um den Klimaschutz voranzutreiben und gegebenenfalls diese Ziele einzuhalten?

Das Klimaabkommen von Paris ist ein Meilenstein für die Rettung unseres Planeten. Wir in Baden-Württemberg haben als Industriestandort die Verantwortung, aber auch das Wissen, die Technik und den Erfinder*innengeist, um die Klimakatastrophe noch abzuwenden. Das grün-geführte Umweltministerium hat mit dem ambitionierten Klimaschutzgesetz die richtigen Weichen gestellt, um die Treibhausgase zu reduzieren. Ich bin davon überzeugt, dass wir bis 2030 unsere CO2-Emissionen um mindestens 50% Prozent gegenüber 1990 reduzieren werden. Da geht aber noch mehr, denn mein Sohn und ihr seid jung und braucht die Welt! Ich möchte deshalb diejenigen im Ländle unterstützen, die bewahren, recyceln und erfinden – nicht diejenigen, die verbrennen, verpacken oder abholzen. Konkret bedeutet das:

  • Als Sofortmaßnahme soll bei Neubauten die Errichtung einer PV-Anlage auch für Wohngebäude verpflichtend sein.
  • Das Land soll stärker mit Hochschulen sowie Unternehmen kooperieren, um Innovationen im Klimaschutz voranzutreiben wie bei Ressourceneffizienz oder Umwelttechnologien.
  • Die Mobilität im Ländle soll in der Zukunft klimafreundlich, digital, vernetzt und wenn möglich für SchülerInnen und Studierende kostenlos sein.
  • Der Klimawandel kennt keine Grenzen. Ich möchte deshalb weitere Allianzen schmieden, wie die Under2-Coalition, die Baden-Württemberg gemeinsam mit Kalifornien initiiert hat, um Klimaschutz weltweit voranzubringen.

5) Um Frauen, Migrant*innen und junge Menschen im Landtag sich selbst vertreten lassen zu können fordern wir Grüne eine Landtagswahlrechtsreform. Wie stellst du dir ein Landtagswahlrecht vor, dass genau dieses Kriterium erfüllt?

Grundsätzlich bin der Überzeugung, dass der baden-württembergische Landtag die Gesellschaft besser widerspiegeln soll, die sie auch repräsentiert. Das bedeutet konkret: wir brauchen mehr Frauen, junge Menschen & POC (People of Color) in unseren Parlamenten. Die Einführung einer Landesliste schafft die Möglichkeit, mehr Frauen ins Parlament zu bringen – denn beim Frauenanteil hat der Landtag von Baden-Württemberg immer noch die rote Laterne.

Deshalb unterstütze ich die Reform des Landtagswahlrechts, die Frauenverbände, Gewerkschaften und wir Grünen seit Jahren fordern. Wir Grünen haben zusammen mit der CDU im grün-schwarzen Koalitionsvertrag vereinbart, ein personalisiertes Verhältniswahlrecht mit einer geschlossenen Landesliste einzuführen. Leider ohne Erfolg. Als zukünftiger MdL möchte mich deshalb konsequent für die Reform des Landtagswahlrechts einsetzen – sowohl in der Öffentlichkeit aber auch innerhalb der grünen Landtagsfraktion.

6) In Hamburg haben die Grünen ein Wahlrecht für Jugendliche ab 14 Jahren gefordert. Kannst du dir das auch für Baden-Württemberg vorstellen?

Ich sehe es ähnlich wie Winfried Kretschmann oder Robert Habeck: Wir sollten Jugendliche frühzeitig für die Demokratie einbinden, stärker beteiligen und ihre politische Urteilsfähigkeit stärken. Spätestens seit Fridays for Future wissen wir, wie großartig sich Jugendliche politisch engagieren. Sei es die Themen Bildung, Klima, Mobilität oder soziale Gerechtigkeit – Jugendliche sind von den politischen Entscheidungen direkt betroffen und müssen am längsten damit klarkommen. Außerdem rücken mit der Absenkung des Wahlalters eure Belange mehr in das Blickfeld der Politikerinnen & Politiker. Für Baden-Württemberg kann ich mir deshalb im ersten Schritt die Senkung des Wahlalters bei Landtagswahlen auf 16 sehr gut vorstellen.

7) Es werden immer noch Asylbewerber*innen abgeschoben die schon längst in Deutschland zuhause sind. Wie können wir im Land Baden-Württemberg möglichst viele Geflüchtete vor der Abschiebung retten?

Für mich ist klar: Grenzen, Zäune und Abschottung sind keine Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit. Menschen, die sich integrieren und ein Teil unserer Gesellschaft geworden sind, müssen eine Bleibeperspektive erhalten.
Wir brauchen einen wirksamen Schutz vor unsinnigen Abschiebungen. Geflüchtete, die hier fest in Lohn und Brot stehen, Familien und schulpflichtige Kinder abzuschieben, ist humanitär unverantwortlich. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass wir den Menschen sichere Bleibeperspektiven ermöglichen.

Die Landesregierung hat neuerdings die Möglichkeit des Bleiberechts geschaffen – ein gutes Instrument, um gut integrierten, geduldeten Flüchtlingen eine Perspektive zu bieten. Das ist ein tolles Signal an Geflüchtete: Arbeit, Ausbildung, Integration – all dies bietet Bleibechancen!
Das Aufenthaltsgesetz ist Bundesrecht. CDU, CSU und SPD im Bund haben leider in ihrer jüngsten Einigung zum Aufenthaltsgesetz wieder sehr hohe Hürden für einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland beschlossen und durch das sogenannte ‚Geordnete-Rückkehr-Gesetz‘ die Abschiebung in den Vordergrund gestellt.
Hier sehe ich als Landespolitiker die Möglichkeit, durch Bundesratsinitativen das Aufenthaltsgesetz dahingehend zu ändern, um für Geflüchtete, deren Verfahren von der Hochphase des Flüchtlingszugangs betroffen waren, eine Anrechnungsmöglichkeit für Aufenthaltszeiten während des Asylverfahrens auf den notwendigen Duldungszeitraum zu schaffen.

8) Eines der Hoheitsrechte des Landes ist die Bildungspolitik. Wenn du eine bildungspolitische Maßnahme sofort umsetzen könntest, welche wäre das?

Meiner tiefen Überzeugung nach darf die soziale Herkunft nicht über den schulischen und beruflichen Erfolg entscheiden. Mit der Einführung der Gemeinschaftsschule haben wir Grünen hier in Baden-Württemberg diesbezüglich bereits einen wichtigen Schritt unternommen. Eine bildungspolitische Idee, die mir deshalb vorschwebt, wäre die Gründung eines Talentzentrums. Eine Einrichtung, die mit Talentscouts frühzeitig und gezielt Talente (aus einfachen Verhältnissen) an Schulen entdeckt. Sie machen den Talenten Mut, entwickeln gemeinsam mit ihnen Visionen für die berufliche Zukunft, zeigen Wege auf, schaffen hilfreiche Netzwerke und eröffnen Zugänge zu existierenden Förderinstrumenten des Bildungssystems.

 9) Im Kreisverband Ludwigsburg führen wir aktuell eine Debatte wie wir die Partei verjüngen wollen und junge Leute für Politik begeistern können. Was ist deine Vision für mehr Jugendbeteiligung im Kreis Ludwigsburg?

Die Beteiligung junger Menschen ist einer meiner Herzensanliegen. Hier sehe ich sehr viele Möglichkeiten sowie Chancen angesichts der Tatsache, dass sich zahlreiche Schulen, (kirchliche) Einrichtungen, Kulturvereine, Jugendhäuser und Hochschulen im Landkreis Ludwigsburg befinden. Ich möchte zunächst einmal mit meiner Kandidatur und meiner zukünftigen Arbeit vor allem auch den jungen Menschen, die aus ähnlichen Verhältnissen stammen wie ich, Mut machen und ein Beispiel geben: „Wenn er das schafft, dann schaffen wir es auch.“
Zudem setze sich mich dafür ein, dass auch kleine Kommunen einen Fördertopf erhalten sollen, um die Jugendbeteiligung vor Ort zu stärken, indem beispielsweise ein Jugendgemeinderat gegründet wird.

Wichtig ist aber auch, dass ein MdL ansprechbar für Jugendliche sein muss.
Ich möchte deshalb:

  • Jugendsprechstunden in meinem Wahlkreisbüro anbieten.
  • Jugendeinrichtungen im Kreis besuchen, mit den Jugendlichen diskutieren und deren Anliegen für meine politische Arbeit aufnehmen.
  • Politische Veranstaltungen gezielt für und mit Jugendlichen organisieren.
  • Einen runden Kreis mit unseren Bündnispartner*innen wie FFF und weiteren Jugendorganisationen ins Leben rufen, um uns besser auszutauschen.

Spätestens nach Rezo wissen wir, dass sich die Generation Z nicht so einfach erreicht lässt wie die Generationen vor ihr. Wir Grüne müssen deshalb junge Menschen auf den Kanälen erreichen und von unseren Ideen überzeugen, wo sie ihre Meinung bilden: nämlich im Internet. Deshalb möchte ich den politischen Dialog mit Jugendlichen auch digital über soziale Netzwerke stärken.